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100 Jahre Zweckel
Interview
 
100 Jahre Zweckel - Interview mit drei ehemaligen Zweckelanern
Auf dem Familienpütt waren alle Nationen zu Hause  
Drei ehemalige Bergarbeiter der Zeche Zweckel erzählen von der Verständigung mit Händen und Füßen und der schweren Maloche auf der Gladbecker Zeche  
 
Gladbeck, im Juni 2008. Sie können ihren Augen kaum trauen: Dort, wo früher eine riesige Kohlenhalde lagerte und noch früher das Kesselhaus der Zeche Zweckel stand, blüht heute der neue Wiesengarten vor der historischen Maschinenhalle. „Weißt du noch, damals“, kaum haben die drei „Zweckelaner“ das Gelände betreten, geht der Austausch los. Kurz vor dem 100-jährigen Geburtstag ihrer Zeche haben sich Johann Allekotte (73), Herbert Klarenburg (83) und Fritz Stief (79) die Zeit genommen, am Ort des Geschehens über alte Zeiten „auf’m Pütt“ zu berichten.  
 
Wann haben Sie Drei eigentlich auf der Zeche angefangen? War Zweckel dabei die erste Arbeitsstation?  
 
Stief: Wir haben ja damals alle schon ganz jung angefangen. Als Jugendlicher bin ich 1945 hier auf Zeche Zweckel gelandet. Kein Wunder, denn schon mein Opa hatte hier mit abgeteuft und später als Kutscher gearbeitet und auch mein Vater und fast alle männlichen Verwandten waren auf Zweckel. 1947 habe ich dann meine Maschinenbauerprüfung gemacht und war 43 Jahre dabei, allerdings dann später nicht mehr auf Zweckel.  
 
Allekotte: Ich habe auch mit 16 Jahren angefangen auf der Zeche. Nach Gladbeck kam ich allerdings erst, als die anderen zwei schon wieder weg waren. Von 1970 bis 1973 haben wir hier mit sieben einsamen Arbeitern für die Wasserhaltung gesorgt. Ich habe als Maschinist dafür gesorgt, dass Mensch und Material nach oben und unter Tage gelangten. Kohle wurde da ja längst nicht mehr gefördert.  
 
Klarenburg: Für mich ging’s mit 15 Jahren los – damals noch als Pferdejunge für die Grubenpferde auf Schlägel und Eisen. Meine Frau war Gladbeckerin und hat mich dann 1950, als ich aus der Gefangenschaft kam, hierher entführt. Hier hab ich einige Jahre unter Tage verbracht und mich immer sehr wohlgefühlt.  
 
Die Zeche Zweckel hat ja auch den Ruf als Familienpütt. Woran merkte man das?  
 
Klarenburg: Man hat einfach zusammengehalten. Wenn bei einer Familie Not am Mann war, dann hat man im Lohnbüro auch mal einen Vorschuss bekommen. Oder der Koch und die Frauen in der Küche haben einen Topf warmes Essen mit nach Hause gegeben und das wurde dann vom Lohn abgezogen. Außerdem hatten wir soziale Einrichtungen wie das Solbad Zweckel, da konnte man sich massieren lassen oder die Ohren ausspritzen wegen des Kohlenstaubs.  
 
Stief: Außerdem kamen wir ja alle beim Sport zusammen. Es gab eine Turnhalle auf dem Pütt und Tischtennisanlagen und ein Schwimmbad. Das alles war dann nicht nur für die Bergmänner da, sondern auch für Frauen und Kinder. Und natürlich hat man auch zusammen gefeiert – besonders den 1. Mai, den Barbaratag und Karneval. Viele hatten dann auch ihre traditionellen Trachten an. Es gab ja für alle Leute eigene Vereine, für Ostpreußen, Schlesier, Bayern – da war schon was los.  
 
Auch Russen, Türken, Engländer arbeiteten auf Zweckel. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Nationen erlebt?  
 
Allekotte: Das klappte eigentlich immer ganz gut. Man hat sich eben mit Händen und Füßen verständigt. Und nach einer Zeit konnten die meisten auch ein paar Brocken Deutsch.  
 
Klarenburg: Oder wir ein bisschen Türkisch. Ich habe einige Streits zwischen Türken und Kurden so ganz gut schlichten können. Viele waren sehr fleißig. Mein Kollege Mustafa hatte nach ein paar Jahren 30.000 Mark zusammen gearbeitet und hat dann zu Hause das ganze Dorf ausgehalten. Und mit einem russischen Rangierer habe ich mir zum Beispiel oft das Butterbrot geteilt.  
 
Wie kann man sich denn Ihren Arbeitsalltag früher vorstellen?  
 
Klarenburg: Das war noch richtige Maloche, obwohl hier in der Halle die Maschinen ja ziemlich modern waren für die Zeit. Es gab hier aber früher auch noch 14 Grubenpferde auf Zweckel und die Stempel in den Streben wurden noch aus Holz gebaut. In den Streben waren immer provisorische Staub- oder Wasserbühnen eingebaut, die eine Schlagwetterexplosion verhindern sollten. Trotzdem hatten Bergleute keine lange Lebenserwartung – vor allem wegen der Staublunge. Nach der Schicht traf man sich oft in der Kantine für einen Rollmops und ein Glas Milch.  
 
Stief: Oder für das berühmte „Zweckler Knickerwasser“. Das war eine hier selbstgemachte Zitronenbrause. Und die Flasche war oben mit einem Knicker, einer Murmel, verschlossen. Das war was ganz Besonderes für 3 oder 5 Pfennig, glaube ich.  
 
Wie viel Geld haben Sie denn damals auf der Zeche verdient?  
 
Allekotte: Mein erstes Gehalt waren, glaube ich, 25 D-Mark. Damals gab es immer am 5. und am 15. des Monats einen Abschlag und am 30. dann den Restlohn, damit man über die Runden kam. Aber damals waren ja auch die Lebensmittel zum Glück günstiger. Ein Bier kam damals vielleicht 30 Pfennig.  
 
Stief: Manche haben allerdings ihren Lohn in der Lichthalle bekommen und ihn dann anschließend sofort wieder verspielt. Im Lager gab es nämlich eine 17 und 4-Runde. Da musste dann manche Frau schon kurz darauf im Lohnbüro wieder einen Vorschuss abholen.  
 
Gab es während Ihrer Zeit auch Unglücke auf der Zeche Zweckel?  
 
Allekotte: Während meiner Zeit nicht, da ich ja nur zur Wasserhaltung hier tätig war. Sechs Kollegen von mir haben dabei unter Tage gearbeitet und ich als Maschinist hatte die Halle für mich allein. Ich konnte sogar mit dem Fahrrad hier durchflitzen.  
 
Klarenburg: Bei uns war das noch anders. Kleinere Unglücke und Brüche in den Streben gab es damals immer wieder. Ich selbst wurde mal beim Schießen zum Vorantreiben des Strebs verletzt. Ich sah dann aus wie ein gespickter Igel, hab es aber gut überstanden. Andere sind aber auch zu Tode gekommen. Zum Beispiel durch „Sargdeckel“. Das waren versteinerte Baumstämme, die in den Kohleschichten lagerten und sich dann ganz plötzlich lösten. Da konnte man dann nicht mehr wegspringen. Einer von diesen Sargdeckeln war früher auch in der Lohnhalle ausgestellt.  
 
Und gab es auch lustige Begebenheiten im Zechenalltag?  
 
Klarenburg: Na klar. Erst einmal hatte jeder sofort einen Spitznamen weg, wenn ihm irgendwas lustig passiert ist. Einer hieß dann „Kaffeeschluck“ und der andere „Mehlsack“ – den normalen Namen kannte man schon gar nicht mehr.  
 
Stief: Ich erinnere mich auch an eine sehr lustige Geschichte. Da glaubte ein Kollege, dass er aus einem Buch das Hypnotisieren gelernt hat. Nach der Schicht saßen wir dann einmal alle nackt in der Kaue und haben ihn herausgefordert, er solle uns alle hypnotisieren. Er hat’s versucht und wir haben natürlich alle mitgespielt. Und sind dann als lange Schlange einmal komplett nackt durch die Lohnhalle gelaufen. Da holten gerade ausgerechnet die Frauen der Zeche, das waren ja auch einige die hier arbeiteten, ihren Lohn ab. Er hat dann verzweifelt versucht uns aufzuwecken, aber den Gefallen haben wir ihm nicht getan.  
 
Nach der Zusammenlegung mit Scholven wurde die Kohleförderung auf Zweckel 1963 komplett dichtgemacht. Hätten Sie damals vermutet, dass mal solch ein Industriedenkmal daraus wird?  
 
Allekotte: Nein, das konnte man nicht wissen damals. Da wurden ja viele Zechen geschlossen. Aber hätte man gewusst, wie interessiert die Leute jetzt auch an alten Bergbau-Utensilien sind, dann hätte man damals sicher mehr mitgenommen und aufbewahrt.  
 
Klarenburg: Genau. Ich hatte auch früher noch eine kleine Bergmanns-Ecke zu Hause mit Erinnerungsstücken aber viel war das nicht. Die Leute reißen immer erst alles ab oder schmeißen es weg und erkennen dann später den Wert der Sachen.  
 
Die Zeche Zweckel wird nun am 1. Juli 2008 100 Jahre alt. Was halten Sie von der neuen Nutzung und den Veranstaltungen, die heute hier stattfinden?  
 
Allekotte: Es war früher schon eine sehr schöne Halle mit dem Mosaikfußboden, der Empore und dem ganzen Holz. Das war etwas Besonderes unter den Zechen – schön, dass das erhalten geblieben ist und auch jüngere Generationen zum Beispiel bei Abiturfeiern die Halle nun nutzen.  
 
Stief: Ich find es prima, wie die Leute die Halle annehmen. Ich war selbst hier schon bei einigen Veranstaltungen und war begeistert. Schön wäre es, wenn es irgendwann möglich wäre, auch die restliche Halle, nicht nur die einzelnen Wandelemente so wieder herzustellen, wie sie früher aussah. Aber das ist natürlich zu teuer. Wer weiß, vielleicht findet sich ja mal ein Sponsor. Ansonsten könnte man ja ein paar historische Bilder von der Schachtanlage hier aufhängen. Ich hätte da noch ein paar im Keller.  
 
 
Das Interview führte Inka Strunk.
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